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11/04/26

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Gastbeitrag von Kurt Fritsche


Kurt Fritsche ist bildender Künstler und beschäftigt sich in seiner Arbeit mit persönlicher und kollektiver Erinnerung und Trauer. Heute vor zwei Jahren eröffnete seine Abschlussausstellung »Home«. Dies ist der begleitende Ausstellungstext.



In letzter Zeit wache ich oft auf in einem Zustand halbgaren Bewusstseins, in dem Traum, Erinnerung und die Wahrnehmung meiner Umgebung zu einem flüchtigen, irgendwie verfälschten und bald vergessenen Brei verschmelzen.

Wo zum Teufel bin ich?

Merkmale meines Elternhauses oder meines Kinderzimmers vermischen sich mit denen der Wohnung, in der ich mich gerade befinde. Man kennt dieses Gefühl vielleicht von häufigem Schlafplatzwechsel. Das Gehirn (oder der Teil des Gehirns, der für diese frühe Morgen- oder späte Nachtschicht zuständig ist) ist ziemlich träge. Im Halbschlaf versucht es vergeblich, sich mit den Resten seines Arbeitsspeichers einen Reim auf die Dinge zu machen. Wo ist die nächste Toilette, wo das nächste Fenster? Was verbirgt sich hinter dem Vorhang? Das Nervensystem liefert ganz automatisch Informationen, die aber nicht unbedingt nützlich sind. Für kaum länger als eine Minute konstruiert es einen Ort, der unstimmig erscheint, ein Ort, der fast gasförmig und leicht beängstigend wirkt.

A. hatte solche Momente, die jedoch von anderer Dauer und Intensität waren. Nachdem bei ihm ein Glioblastom festgestellt wurde, eine schwere und eigentlich immer tödliche Art Hirntumor, veränderten sich sein Gedächtnis und Sprachvermögen rapide. Das Bild seiner Wahrnehmung verzerrte sich, als würde der Code einer JPEG-Datei mit einem Texteditor willkürlich umgeschrieben, sodass sich geisterhafte Artefakte und Verschiebungen in ihm niederschlugen. Während einem seiner vielen Krankenhausaufenthalte im Jahr 2022 wurde uns berichtet, dass er nach einem Toilettengang in ein fremdes Bett sprang, weil er vergessen hatte, welches der Krankenbetten im Zimmer seins war. Ein anderes Mal lief er in seinem Krankenhaushemd davon und kaufte einen Kuchen in der Bäckerei gegenüber, wo er schließlich von einem Pfleger aufgelesen wurde. Man erzählte uns diese Geschichten genauso, wie meine Kindergärtnerin K. damals erzählte, dass ich ins Planschbecken gepinkelt hätte. A. verwandelte sich von einem zur Selbstgefälligkeit neigenden Boomer in ein süßes, dankbares, jungenhaftes Wesen. Und damit veränderte sich meine Rolle von der eines Sohnes zu der einer Elternfigur: »Du hast mir damals den Arsch abgewischt - heute wische ich dir deinen ab« (obwohl ich mir nicht sicher bin, ob er das überhaupt jemals getan hat). Aller Ärger, den ich ihm gegenüber empfunden hatte, verwandelte sich in bedingungslose Liebe. Die andauernde Befürchtung, ihn zum letzten Mal zu sehen, hat alles verändert. Und es gab nur noch sehr wenig, was mich an ihm hätte stören können. Plötzlich fragte er nach meinen Freund*innen, nach meiner Partnerin, sprach davon, wie dankbar er sei, dass wir uns um ihn kümmerten und dankbar für sein Leben überhaupt. Es war eine traurige und trotzdem schöne und wertvolle Zeit, die ich in diesem Jahr mit ihm verbrachte. A. starb etwa 9 Monate nach seiner Diagnose und ließ K. allein zurück.

K., die seit A.s Diagnose unter Depressionen litt, fühlte sich bald von der Stille im Haus überwältigt. 30 Jahre Partnerschaft bedeuten, dass sie die Hälfte ihres Lebens mit A. verbracht hatte. Alles, was sie sah, hatte mit A. und ihrer Beziehung zu tun. Das Haus erschien ihr als eine einzige Ansammlung von Erinnerungen. »Er lauert hinter jeder Ecke«, sagte sie. Um einen Neuanfang zu wagen, verspürte K. den starken Drang, sich von Dingen zu trennen - oder zumindest von den Dingen, die sie am meisten an ihren Verlust und ihre Einsamkeit erinnerten. Sie sortierte A.s Kleidung aus (ich bekam ein paar schöne Stücke wie einen Wollmantel, einen Gürtel und einige Kaschmirrollkragenpullover). Das Hochzeitsfoto wurde mit einer Postkarte überklebt, die Kartons mit unseren Familienfotos wurden ohne Vorwarnung weggeworfen. Es half wenig. Die Einrichtung und das Haus selbst wogen zu schwer. Ähnlich wie 1990 nach der Wende, als sie sich gerade kennen- und lieben gelernt hatten; als sie beschlossen, gemeinsam das Elternhaus von A. zu renovieren und sämtliche DDR-Möbel durch Westmöbel zu ersetzen, will K. sich jetzt vom allermeisten des alten Inventars trennen, das Haus verkaufen und eine 2-Zimmer-Wohnung anmieten, um sie von Grund auf neu einrichten. Tabula rasa.

Horst in seinem Garten Abb. 1 – Ausstellungsansicht – Foto: Julian Blum
Gestern bin ich nach Hause gefahren, um K. zu besuchen. Sie ist im Moment in einem psychiatrischen Krankenhaus in der Nähe meiner Heimatstadt. Auf dem Weg vom Bahnhof zum Haus treffe ich S., der ein paar Jahre älter ist als ich. Er ist mit seinem Skateboard auf dem Weg zu Rewe oder Netto, weil er, wie er sagt, Lust auf was Süßes hat. Wir führen einen etwas aufgesetzten Smalltalk, vor allem darüber, dass Gras jetzt legal ist und die Polizei in Sachsen-Anhalt wie bekloppt kontrollieren wird, ob die Leute bekifft Auto fahren oder THC im System haben. »Ich werde jetzt einfach erstmal gar nicht mehr fahren, bis sich die Bullen wieder beruhigt haben«, sagt er. Als ich am Haus ankomme, laufe ich etwa eine Stunde lang herum und schaue mir alles an. Auch mir fällt die Stille auf. Seltsamerweise bin ich nicht besonders traurig beim Gedanken daran, dass ich wohl nur noch selten hierher kommen werde. Ich spüre die Anwesenheit von A. kaum noch. Mir fallen die funktionalen Räume auf - der Heizungsraum, der Keller, der Schuppen am Pool. Ich habe das Gefühl hier vor allem K.s Spuren zu folgen. Große Joghurtbecher werden aufbewahrt, weil sie praktische Gefäße sind. Auf einem von ihnen ist eine Erdbeere aufgedruckt, die sich im Laufe der Zeit grün verfärbt hat. Alte Bettlaken und Babykleidung sind in durchsichtige Plastiktüten gestopft. Der Schrank mit den aufgeklebten Fotos vom Haus und den Hunden berührt mich und ich beginne, mich an Szenen zu erinnern. Daneben ist dieser wackelige Hängeschrank, in dem, als wir klein waren, eine Zeit lang die Süßigkeiten mit einem Schloss verwahrt wurden. Es gab ein VHS-Video mit einer Szene, in der A. das Schloss mit einem großen Bolzenschneider öffnet (vermutlich ging der Schlüssel verloren) und wir Kinder, die um ihn herumstehen und schreien, welche Süßigkeiten wir haben wollen. K. muss hinter der Kamera gestanden haben.

Ich treffe sie gegen 15 Uhr. Stolz erzählt sie mir, dass sie endlich wieder Bücher lesen kann - etwas, wozu sie in den vergangenen zwei Jahren nicht in der Lage war. Seit sie vor drei Wochen in die Klinik gekommen ist, hat sie bereits fünf Bücher gelesen. Es ist der erste richtige Frühlingstag. Gras und Blätter erscheinen im kräftigen Sonnenlicht in einem fast unwirklichen Grün. K. ist still und schaut eher nach unten auf den Boden als in der Landschaft umher. Sie sagt, sie sei nervös, mich zu sehen. Das Spazierengehen hilft und wir werden beide etwas entspannter und connected. Wir sprechen über ihren alljährlichen Ostseeurlaub als sie klein war, über ihren Neuanfang in einer neuen Wohnung und auch darüber, dass ich einen Weg finden muss, um mich irgendwie durchzuschlagen. Wir halten an einem Café, wo sie einen Kirscheisbecher und ich einen Eiskaffee mit Vanilleeis nehme. Auf ihrem rosa T-Shirt steht »Give me a smile«. Ich frage, ob ich ein Foto von ihr machen darf. Sie lächelt.












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