Im Beitrag „Alexander-Technik“ vom 24/09/24 sprach ich die Prinzipien der Methode an, auf die ich im Folgenden näher eingehen möchte. Sie bilden das Fundament dieser Praxis, werden beim praktischen Erlernen vermittelt und müssen von den Schüler*innen nicht intellektuell verstanden werden. In den ersten Stunden, die man bei einer Alexander-Technik-Lehrer*in nimmt, ist es meist ratsam, sich einfach auf die eigene Erfahrung mit der Technik einzulassen. Eine theoretische Auseinandersetzung ist nicht notwendig, wird aber mit der Zeit womöglich interessant. Die Prinzipien sind nicht klar abgesteckt und existieren in unterschiedlicher Anzahl und verschiedenen Benennungen wie Prinzipien, Konzepte, Grundzüge oder Begriffe. Der deutsche Alexander-Technik-Verband zum Beispiel listet auf seiner Webseite acht Begriffe auf. Grundsätzlich aber beinhalten sie alle die gleichen Ideen, mit denen Lehrer*innen der Alexander-Technik arbeiten. Ich lernte sie anfänglich als die fünf Prinzipien (Macht der Gewohnheit, Innehalten & Nichttun, Unzuverlässige Einschätzung der Sinneswahrnehmung, Gedankliche Anweisungen, Primäre Steuerung,) kennen, die F.M. Alexanders Schüler Patrick McDonald formulierte und nenne sie hier auch so, nehme aber drei weitere Prinzipien hinzu, die ich für nützlich halte. Diese acht Prinzipien der Alexander-Technik sind:
Macht der Gewohnheit
Die Tatsache, dass gewohnte Reaktionsmuster eine starke Wirkung auf unser System haben und sich nur schwer verändern lassen.
Innehalten & Nichttun
Hemmung und Prävention überflüssiger, womöglich auch schädlicher gewohnter Reaktionen auf Umweltreize und innere Impulse – im Sinne von Körper und Geist in Ruhe lassen, nicht mehr tun als nötig und der aktuellen Aufgabe oder Situation entsprechend.
Unzuverlässige Einschätzung der Sinneswahrnehmung
Durch Gewohnheiten fehlgeleitete Propriozeption – die Sinneswahrnehmung, mit der der Körper das Gehirn informiert über Zustand, Position und Aktivität von Muskeln, Gelenken und Sehnen.
Gedankliche Anweisungen (oder Richtungen geben)
Anweisungen vom Gehirn an den Körper, die die psychophysische Koordination steuern.
Primäre Steuerung
Die Idee, dass die zentrale körperliche Einheit aus Hals, Kopf und Rücken besteht.
Selbstgebrauch & Körper-Geist-Einheit
Die Art und Weise, wie wir uns als Ganzes – im Denken, Bewegen und Handeln – selbstbestimmt einsetzten mit dem Wissen, dass Körper und Geist eine untrennbare Einheit bilden.
Bevorzugte Positionierung
Vorteilhaftes Verhältnis aller Körperteile und ihrer Bewegungen zueinander.
Geeignete Mittel & Zielfixierung
Bewusst gewählte Mittel wie Innehalten und Gedankliche Anweisungen, mithilfe derer ein Wunsch indirekt erwirkt werden kann, wofür die Zielfixierung samt Überkonzentration und Automatismen, die einsetzen, sobald wir eine Aktivität auch nur beabsichtigen, aufgegeben wird.
Weil meine Skoliose mich zur Alexander-Technik führte und diese mir wesentlich im Umgang mit meinem Rücken half, möchte ich sie hier als Beispiel nutzen, um die acht Prinzipien konkreter zu erläutern. Dass Zielfixierung eher zu Frustration und resignierendem Aufgeben führt als zum Erfolg, lernten mir Korsetttragen, manuelle Therapie und uninteressierte Ärzte mit furchteinflößenden Prophezeiungen. Das Korsett sollte mich geradebiegen und -halten, stattdessen sorgte es für Schmerzen in Wirbeln, Muskulatur und Faszien, eingeklemmte Nerven und Verletzungen an der Haut, löste Scham aus und entfesselte dadurch meinen ungehaltenen jugendlichen Trotz. Die Schroth-Atemübungen sollten meine deformierten Rippen korrigieren und das verkürzte Gewebe weiten, stattdessen fragte ich mich immerzu, warum ich gegen meinen Körper ankämpfen sollte. Wir können uns Gesundheit wünschen und sie begünstigen, sollten aber nicht krampfhaft an ihr festhalten und versuchen, uns von aller Krankheit zu bereinigen, denn dann kann es sein, dass uns die Schönheit unserer sterblichen Existenz entgeht.
Im Alexander-Technik-Kurs an der Uni lernte ich die bevorzugte Positionierung kennen: mein Gewicht gleichmäßig auf den Füßen zu verteilen, die Gelenke weich und offen zu halten, das Becken nicht nach vorne zu schieben, kurzum, im Monkey zu stehen. Der Monkey ist die Grundposition in der Alexander-Technik und meint, dass der Selbstgebrauch von Menschenaffen am ehesten das ermöglicht, was auch wir Menschen von einer sogenannten guten Haltung erwarten, nämlich Leichtigkeit, Erdung und Beweglichkeit. Ich erfuhr von der Primären Steuerung, der Verbindung von Hals, Kopf und Rücken, dass mein Rumpf alles vom Scheitel bis zu den Sitzbeinhöckern umfasst und eine komplexe, dreidimensionale Einheit ist. Die zweite Lehrerin, bei der ich Einzelstunden nahm, schlug mir vor, von meinem Rücken zu sprechen statt von meiner Skoliose, was ich zuerst nicht so ganz verstand. Inzwischen leuchtet es mir ein und ich verstehe, dass ihr Vorschlag nicht darin bestand, die Diagnose zu ignorieren, sondern mich als vollkommenen Menschen zu begreifen und mit dieser Idee zu arbeiten. Die unzuverlässige Einschätzung der Sinneswahrnehmung frustrierte mich zu Beginn stark, weil ich mich als bewussten, intelligenten Menschen, der schon alles weiß, wahrnehmen wollte. Zugleich weckte sie mein Interesse und zeigte mir, dass es darin Möglichkeitsspielräume zu finden gibt. Ein Lehrer wies mich auf meine angezogenen zweiten Zehnen hin und schlug vor, sie mir stattdessen lang und nach vorne zeigend vorzustellen, bis ich sie irgendwann nicht mehr dauerhaft automatisch anzog. Ich nahm weder wahr, dass sich meine rechte Schulter ständig nach vorne schiebt und nach unten zieht, noch dass ich zu weit hinten auf den Fersen stehe oder dass meine Präsenz verschwindet, sobald ich annehme, eine Aufgabe sei erledigt. Nach drei Jahren in der Ausbildungsklasse bemerke ich deutlicher, wie meine Selbstwahrnehmung sich unter Druck windet und zusammenzieht, dass das gleiche mit meinem Körper geschieht und dass es auch anders geht. Dabei dachte ich, ich verhalte mich ganz normal. Und irgendwie stimmt das auch, denn die meisten haben gewohnheitsmäßige Reaktionen und Schutzmechanismen, die ihr Wohlbefinden eher einschränken als unterstützen. Dennoch haben diese Dynamiken auch eine bestimmte Funktion und sollten in keinem Fall missachtet werden.
Neben den bereits beschriebenen Konzepten sind die geeigneten Mittel zentral in der Alexander-Technik. Sie sind die Antwort auf unsere Zielfixierung und von indirekter Natur. Mithilfe der Alexander-Technik lerne ich, innezuhalten und mir Richtungen zu geben. Es gibt drei Möglichkeiten, eine Entscheidung zu treffen: sich für etwas zu entscheiden, sich gegen etwas zu entscheiden und sie nicht zu treffen. In der Alexander-Technik geht Letzteres mit dem Prinzip des Nichttuns einher: noch bevor ich meinen Arm hebe und auch während ich ihn hebe, denke ich „Stopp“ oder „Nein“. Ich gebe meinem System so die Information, überflüssige Reaktionen, die ich zuvor so an mir beobachtete, wie das Festhalten der Schulter wegzulassen. Dies ermöglicht mir, statt den Arm auf gewohnte Art und Weise zu heben, der Bewegung mehr Leichtigkeit, Verbundenheit und Ausdehnung zu geben. Um diese Qualitäten zu unterstützen, werden Richtungen gegeben, die uns an sie erinnern. Ich wünsche mir also, indem ich mir Richtungen gebe, die Bewegung in Ruhe und mit Leichtigkeit passieren zu lassen. Ich weise mich zum Beispiel an, den Hals frei sein zu lassen, um den Kopf nach vorne und oben gehen zu lassen, um den Rücken lang und weit sein zu lassen. So verhindere ich, dass ich mein Gewebe überflüssig anspanne oder kollabieren lasse, mich überkonzentriere oder die Präsenz verliere. Gleichzeitig verorte ich mich im Raum, nehme Bezug zu meiner Umgebung und lasse mir den Platz, den ich brauche. Ich lerne, mich selbst neu zu gebrauchen.
In der Alexander-Technik mache ich keine Übungen, ich tue nichts Konkretes, um meine Skoliose zu begradigen, also der Verkrümmung, Rotation und Verformung entgegenzuwirken. Ich schaffe lediglich nützliche Bedingungen für mich, für meine Körper-Geist-Einheit. Alexander-Technik hilft mir dabei, in alles, was ich tue, mehr Bewusstsein einzuladen, auch wenn es bloß Sitzen und Atmen ist.
Alle acht Prinzipien nochmal knapp zusammengefasst: Die Alexander-Technik vermittelt einen neuen Selbstgebrauch. Dabei wird die Zielfixierung aufgegeben und die Macht der Gewohnheit untersucht, mit dem Ziel, die unzuverlässige Einschätzung der Sinneswahrnehmung in eine zuverlässigere umzuwandeln. Die Methode zeigt Schüler*innen geeignete Mittel, nämlich Innehalten, Nichttun und Gedankliche Anweisungen, die die Primäre Steuerung aktivieren und die psychophysische Koordination verfeinern.